15. November 2021
Heute wurde in Berlin die Studie "Lebensgef√ľhl Corona" vorgestellt, die untersucht hat, wie unterschiedlich die Menschen in Deutschland mit der Pandemie umgegangen sind. Das Lebensgef√ľhl der Menschen w√§hrend der Corona-Krise ist h√∂chst ambivalent - einfache Antworten reichen nicht mehr aus. Dies ist ein Ergebnis der qualitativen Langzeitstudie, mit der Kirche und Diakonie √ľber ein Jahr die psychosozialen Folgen der Pandemie erforscht haben, um wirksame Beratungs- und Hilfsangebote entwickeln zu k√∂nnen. Ein weiteres Ergebnis der Studie sind acht verschiedene Corona-Typen in der Gesellschaft.


Mithilfe des neuen Online-Selbsttests¬†"Pandem-O-Mat" kann man ab sofort herausfinden, welchem dieser Typen man entspricht: www.pandemomat.de. Zu den Typen geh√∂ren: Die Achtsamen, die Ausgebrannten, die Denker:innen, die Emp√∂rten, die Ersch√∂pften, die Gen√ľgsamen, die Mitmacher:innen und die Zuversichtlichen.


"Lebensgef√ľhl Corona" ist eine Studie der Evangelischen Zukunftswerkstatt "midi", der Diakonie Deutschland, des gr√∂√üten christlichen Gesundheitsunternehmens AGAPLESION gAG, der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), der Evangelisch-Theologischen Fakult√§t der Ludwig-Maximilians-Universit√§t M√ľnchen (LMU) und des Markforschungsinstituts LIMEST.
√úber ein Jahr hinweg wurden 50 Menschen aus einem Querschnitt der Bev√∂lkerung dazu befragt, wie sie den Alltag in der Corona-Pandemie erleben, was ihnen in der Krise Halt und Orientierung verleiht und inwieweit Kirche und Diakonie dabei unterst√ľtzen. "Dadurch liegt erstmals im deutschsprachigen Raum eine Langzeitstudie vor, die einen unverstellten Blick auf das Lebensgef√ľhl der Menschen in allen Phasen der Pandemie erm√∂glicht", so der midi-Studienleiter Daniel H√∂rsch.
 
Die Studie hat auch untersucht, welche Rolle Kirche und Diakonie w√§hrend der Pandemie f√ľr die Menschen gespielt haben. "Kategorien wie bei den Corona-Typen sind zwangsl√§ufig immer etwas zugespitzt. Es ist aber das gro√üe Verdienst der Studie, dass sie die Zwiesp√§ltigkeiten im Erleben der Pandemie aufzeigt. Nur wer zu einer differenzierten Wahrnehmung f√§hig ist, kann wirksam helfen. Die materiellen und die psychosozialen Folgen von Corona werden unsere Gesellschaft noch lange besch√§ftigen. Damit Einrichtungen von Diakonie, Kirche und anderen Wohlfahrtstr√§gern hier wirksam ihre Arbeit machen k√∂nnen, braucht es aber mehr als besseres Verstehen. Wir brauchen nun verl√§ssliche und fl√§chendeckende Beratung und Angebote, besonders f√ľr die, die schon vorher nicht im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit standen wie insbesondere die knapp drei Millionen Kinder in relativ armen Haushalten. Nicht nur f√ľr sie muss die Politik durch eine solide Finanzierung der Beratungsangebote nun die Basis f√ľr nachholende Chancen- und Bef√§higungsgerechtigkeit legen", so Ulrich Lilie, Pr√§sident der Diakonie Deutschland. "Andernfalls drohen dieser Gesellschaft nach Corona Jahrg√§nge von Coronaverlierer:innen."
 
Die AGAPLESION gAG als gr√∂√ütes christliches Gesundheitsunternehmen war von Anfang an begeistert von der Studie und finanzierte diese mit. "Unsere Beteiligung macht deutlich, dass wir die Bed√ľrfnisse unserer Patient:innen bzw. Bewohner:innen sehr ernst nehmen. Das gilt gerade in Zeiten wie diesen. Wir behandeln und begleiten die Menschen ganzheitlich und individuell. Deshalb m√ľssen wir wissen, was sie bewegt. Das geht weit √ľber k√∂rperliche Befindlichkeiten hinaus und schlie√üt die sozialen Bez√ľge, aber auch das seelische Wohlbefinden mit ein. Die Angst vor der Ansteckung hat die Beziehung zwischen uns als Gesundheitsdienstleister und unseren Kund:innen bisweilen stark belastet. Zudem hat uns die Pandemie deutlich vor Augen gef√ľhrt, wie verletzlich wir sind. Die Studie hilft uns herauszufinden, ob diakonische Dienstleister die richtige Hilfe bieten und die richtigen Antworten geben k√∂nnen. Diese Fragen m√ľssen wir klar beantworten k√∂nnen", erkl√§rt Dr. Markus Horneber, Vorstandsvorsitzender der AGAPLESION gAG.
 
Oberkirchenrat Dr. Johannes Wischmeyer, Referent f√ľr Studien- und Reformfragen der Evangelischen Kirche in Deutschland und zuk√ľnftiger Leiter der Abteilung "Kirchliche Handlungsfelder" hat die Ergebnisse der Studie aus Sicht der verfassten Kirche analysiert: "Wie jede andere Organisation m√ľssen die evangelischen Kirchen Notfallpl√§ne f√ľr eine rasche Reaktion auf lokale, regionale und allgemeine Krisenlagen erarbeiten." Denn nur, wenn das in der Krise Gelernte bald und nachhaltig in eine ver√§nderte kirchliche Praxis einflie√üe, w√ľrde sich auch das allgemeine Mindset der Kirche als Organisation √§ndern. "Der Befund der Studie ruft deutlich dazu auf: In erster Linie ist mehr Mut gefragt, sich der Kernkompetenz im Verk√ľndigungsdienst zu bedienen: der theologischen Gespr√§chsf√§higkeit", so Wischmeyer.
 
Der praktische Theologe Prof. Dr. Christian Albrecht von der Ludwig-Maximilians-Universit√§t M√ľnchen kommt zu dem Schluss: "Die Erwartungen an die Kirche sind kleinformatiger, auch bescheidener und vor allem st√§rker auf Alltagsbed√ľrfnisse gerichtet als die Kirche oft annimmt. Menschen fragen unvoreingenommen, was ihnen die kirchlichen Angebote bringen - genau jetzt und ganz konkret. Gleichzeitig sind viele Menschen bereit, ebenso konkret und projektf√∂rmig das in die Kirche einzubringen, was sie f√ľr n√ľtzlich erachten."
 
Veranstaltungshinweis:
Auf der digitalen Tagung "Blick zur√ľck nach vorn. Wie die Pandemie das Lebensgef√ľhl der Menschen ver√§ndert hat" (15.11.2021, 14-21 Uhr) wird die Studie "Lebensgef√ľhl Corona" der √Ėffentlichkeit vorgestellt. Anmeldung kostenfrei unter www.mi-di.de/termine/blick-zurueck-nach-vorn¬†
 
Weitere Informationen:
Die Studie und der Pandem-O-Mat sind unter www.pandemomat.de verf√ľgbar.