4. Juni 2021
Die Diakonie Deutschland, Brot f├╝r die Welt und die Diakonie Hessen fordern einen sofortigen Abschiebestopp nach Afghanistan. Einer am Freitag ver├Âffentlichten Studie der Sozialwissenschaftlerin und Afghanistan- Expertin Friederike Stahlmann zufolge drohen abgeschobenen Afghanen Gefahr f├╝r Leib und Leben, Verelendung und Verfolgung. Unter anderem werde ihnen wegen der Flucht nach Europa Verrat, Verwestlichung, unmoralisches Verhalten oder die Abkehr vom Islam vorgeworfen. Auch die Familien von Europa-R├╝ckkehrern sind der Studie zufolge gef├Ąhrdet.

Vor diesem Hintergrund fehlt den R├╝ckkehrern vielfach das ├╝berlebenswichtige famili├Ąre Netz. Bis auf einen Betroffenen haben alle bekannten Abgeschobenen das Land wieder verlassen oder planen dies. Zwei von ihnen haben Suizid begangen.

 
Die Studie "Erfahrungen und Perspektiven abgeschobener Afghanen im Kontext aktueller politischer und wirtschaftlicher Entwicklungen Afghanistans" ist im Auftrag der Diakonie Deutschland, Brot f├╝r die Welt und der Diakonie Hessen entstanden. Die Untersuchung basiert auf einer mehrj├Ąhrigen Forschung und dokumentiert die Erfahrungen von 113 der 908 zwischen Dezember 2016 und M├Ąrz 2020 aus Deutschland abgeschobenen Afghanen.┬á
 
Diakonie-Pr├Ąsident Ulrich Lilie: "Wir gef├Ąhrden sehenden Auges das Leben dieser Menschen durch Abschiebungen nach Afghanistan und setzen sie der Gefahr lebensbedrohlicher Verletzungen und Verelendung aus. Dies ist mit der Europ├Ąischen Menschenrechtskonvention unvereinbar. Wir fordern die Bundesregierung auf, gemeinsam mit den Bundesl├Ąndern einen generellen, bundesweiten Abschiebestopp nach Afghanistan zu beschlie├čen. Der geplante Abschiebeflug am 8. Juni muss unterbleiben, die bereits inhaftierten Betroffenen m├╝ssen aus der Abschiebehaft freigelassen werden. Menschen dorthin abzuschieben, ist grob fahrl├Ąssig und bringt auch die dortigen sozialen und famili├Ąren Netzwerke der Betroffenen in Gefahr."
 
Die Pr├Ąsidentin von Brot f├╝r die Welt, Dagmar Pruin, mahnt an: "Die Lage im kriegs- und krisengebeutelten Afghanistan ist seit Jahren dramatisch und hat sich pandemiebedingt noch weiter verschlechtert. Die eskalierende Dynamik der massiven Verelendung der Bev├Âlkerung und die Sicherheitslage m├╝ssen zu einer Neubewertung auch des Ausw├Ąrtigen Amts f├╝hren. Es ist nun erstmals in umfangreicher Recherche belegt: Die meisten der Abgeschobenen sind erneut geflohen und befinden sich derzeit in verzweifelter Lage in L├Ąndern wie Iran, Pakistan, T├╝rkei und Indien - keineswegs sichere Aufenthaltsorte f├╝r afghanische Staatsangeh├Ârige. Der derzeitige NATO-Truppenabzug droht die Sicherheitslage weiter zu versch├Ąrfen."
 
Carsten Tag, Vorstandsvorsitzender der Diakonie Hessen: "Die Ergebnisse unserer Studie m├╝ssen nun auch Konsequenzen f├╝r die rund 30.000 Ausreisepflichtigen aus Afghanistan haben. Sie sind zum Teil trotz einer Duldung hierzulande gut integriert und gehen einer Besch├Ąftigung oder einer Ausbildung nach. Das BAMF muss jetzt seine Entscheidungspraxis zu Afghanistan ├╝berdenken und es nicht den Gerichten ├╝berlassen, Menschen vor der Abschiebung zu bewahren. Vielmehr sollte ihnen von Anfang an die Bleibeperspektive auch rechtlich zugesichert sein.
 
Allein im Jahr 2020 wurde in ├╝ber 21.000 F├Ąllen ein Widerruf der Fl├╝chtlingseigenschaft f├╝r afghanische Gefl├╝chtete gepr├╝ft. Das ist angesichts der derzeitigen Lage in Afghanistan absurd und verhindert das Ankommen in der Gesellschaft."
 
Der Verwaltungsgerichtshof Baden-W├╝rttemberg hat in einer am 3. Februar 2021 ver├Âffentlichten Grundsatzentscheidung festgestellt, dass alleinstehende gesunde M├Ąnner im arbeitsf├Ąhigen Alter nicht abgeschoben werden d├╝rfen, wenn weder ein soziales oder famili├Ąres Netzwerk noch sonstige beg├╝nstigende Umst├Ąnde vorliegen. Die neue Studie belegt nun, dass die Wahrscheinlichkeit f├╝r ein aufnahmewilliges soziales oder famili├Ąres Netzwerk sehr gering ist, denn die Unterst├╝tzung Abgeschobener stellt aufgrund der weitverbreiteten Kollektivhaftung auch f├╝r ihre Familien eine erhebliche Gefahr dar. "Betroffene Familien versuchen entweder, sich zu sch├╝tzen, indem sie den Kontakt verweigern, oder Abgeschobene m├╝ssen versteckt bleiben. Dieser soziale Ausschluss aufgrund der spezifischen Sicherheitsrisiken macht eine Reintegration oder eine Existenzgr├╝ndung f├╝r Abgeschobene auch unabh├Ąngig von der derzeitigen Eskalation der Not nahezu unm├Âglich. Der Schutz des Lebens ist nicht garantiert, Abschiebungen nach Afghanistan m├╝ssen gestoppt werden", so die Herausgeber.┬á
 
Mehr Informationen: 
Studie "Erfahrungen und Perspektiven abgeschobener Afghanen im Kontext aktueller politischer und wirtschaftlicher Entwicklungen Afghanistans" sowie Fallbeispiele: www.diakonie.de/journal/erfahrungen-und-perspektiven-abgeschobener-afghanen
Interview mit der Afghanistan-Expertin und Autorin der Studie Friederike Stahlmann: www.diakonie.de/journal/interview-zu-abschiebungen-nach-afghanistan
 
Kontakt: 
Kathrin Klinkusch, Pressesprecherin Diakonie Deutschland, Tel. 030 65211-1780, pressestelle@diakonie.de
Thomas Beckmann, Brot für die Welt, Tel. 030 65211-1443 presse@brot-fuer-die-welt.de 
Eckhard Lieberknecht, Pressearbeit Diakonie Hessen, Tel.: 0561 1095-3333, presse@diakonie-hessen.de