19. Februar 2021

2009 wurde der Welttag der sozialen Gerechtigkeit von den Vereinten Nationen (UNO) ins Leben gerufen, um jĂ€hrlich am 20. Februar an das Leitbild der sozialen Gerechtigkeit in Gemeinschaften zu erinnern. Die Diakonie Hessen nimmt den Tag zum Anlass und ruft dazu auf, sich gerade in Zeiten der Pandemie auch in Hessen aktiv zur Verwirklichung dieses Ziels einzusetzen. „Wir wĂŒnschen uns gerade in diesen Zeiten eine inklusive SolidaritĂ€t, die sich ganz besonders um Ă€rmere und sozial ausgegrenzte Menschen kĂŒmmert. Niemand darf jetzt durchs Raster fallen“, sagt Carsten Tag, Vorstandsvorsitzender der Diakonie Hessen. Um das zu erreichen, seien sowohl Politik, Gesellschaft, wie auch jede*r Einzelne gefordert, so der Vorstandsvorsitzende weiter.


Diakonische Beratungs- und UnterstĂŒtzungsstellen vor Ort verzeichnen erhöhten Bedarf in der Corona-Krise
So gibt der Blick in die vielen regionalen Beratungs- und UnterstĂŒtzungsstellen der Diakonie Hessen durchaus Anlass zur Sorge. Seit fast genau einem Jahr beeinflusst die Pandemie das soziale Leben in Hessen maßgeblich. Besonders betroffen sind unter anderem Ă€rmere und einkommensschwache, geflĂŒchtete oder obdachlose Menschen. Auch Alte, Menschen mit Behinderungen und Alleinerziehende sind ĂŒberproportional belastet. „In der Wohnungsnotfallhilfe beispielsweise mussten Tagesaufenthalte zeitweise schließen oder konnten nur fĂŒr deutlich weniger Personen geöffnet werden. Gleichzeitig fallen fĂŒr die Menschen existenzsichernde Einnahmequellen wie Flaschensammeln oder Straßenzeitungsverkauf weg“, gibt Stefan Gillich, Leiter der Abteilung Existenzsicherung bei der Diakonie Hessen, zu bedenken. „Da Behörden wie die Jobcenter fĂŒr den Publikumsverkehr flĂ€chendeckend geschlossen sind, kommen noch mehr Menschen als sonst in die diakonischen Beratungsstellen, weil sie Hilfe bei der Vereinbarung von Terminen bei Ämtern, bei der Beantragung von Mitteln und beim AusfĂŒllen von Formularen benötigen“, stellt Gillich fest. Auch in den Bahnhofsmissionen ist vielerorts nur ein „Notprogramm“ möglich. Heiße GetrĂ€nke oder Speisen werden ĂŒber das Fenster nach draußen gegeben. Ein Aufenthalt ist fĂŒr die GĂ€ste wenn ĂŒberhaupt nur sehr eingeschrĂ€nkt möglich. „Was fehlt, sind soziales Miteinander und Zusammensein. Damit fallen fĂŒr etliche der StammgĂ€ste die wichtigsten sozialen Kontakte des Tages einfach weg“, Ă€ußert sich Gillich besorgt. In der sozialen Arbeit mit GeflĂŒchteten ist es eine Herausforderung, wesentliche und sich stĂ€ndig Ă€ndernde Informationen, beispielsweise zur Vergabe von Impfterminen, ĂŒber Sprachgrenzen hinweg rechtzeitig an alle Menschen zu kommunizieren.
Schuldnerberatungsstellen verzeichnen zudem vermehrt Anfragen von Solo-SelbststĂ€ndigen und ErwerbstĂ€tigen aus dem Kultur-, Event- oder Gastronomiebereich, die durch die Krise in die ArmutsgefĂ€hrdung abgerutscht sind. Gleichzeitig erzeugt Armut fĂŒr viele Betroffene oftmals GefĂŒhle von Scham und Hilflosigkeit. Die Hemmschwelle, sich an Beratungsstellen oder gemeinnĂŒtzige Organisationen zu wenden, ist dann hĂ€ufig hoch. „Das – so meine EinschĂ€tzung – ist das grĂ¶ĂŸte Problem: Menschen, die bedĂŒrftig und benachteiligt sind, werden leiser, ziehen sich zurĂŒck, sind (noch) weniger spĂŒrbar“, sagt Diakon Christof Mayer, Leiter der Tafel und diakonische Projekte in Wetzlar. 


GeflĂŒchtete Menschen dĂŒrfen nicht vergessen werden
Andreas Lipsch, Leiter der Abteilung Flucht, Interkulturelle Arbeit, Migration appelliert, bei aktuellen Hilfsmaßnahmen geflĂŒchtete Menschen nicht zu vergessen. GeflĂŒchtete haben zum Bespiel keinen Anspruch auf kostenlose medizinische Schutzmasken ĂŒber die Krankenkassen. Dabei sind es gerade GeflĂŒchtete und Migrant*innen, die aufgrund ihrer LebensumstĂ€nde, der beengten Wohnsituation in GemeinschaftsunterkĂŒnften und dem erschwerten Zugang zu Informationen von der Pandemie besonders schwer betroffen sind. „Es ist fatal, wenn Menschen mit Flucht- und Migrationserfahrung in Zeiten von Corona von den Hilfen fĂŒr in Armut lebende Menschen in Deutschland ausgeschlossen werden. Wer in Deutschland lebt, sollte unabhĂ€ngig vom Status, das erhalten, was armen Menschen zukommt. Gesellschaftliche SolidaritĂ€t muss alle umfassen und darf keine Gruppen ausschließen“, so Lipsch.

 

Manches erreicht, vieles bleibt zu tun
„Hoffnung mache dagegen das große Engagement der vielen ehrenamtlichen Helfer*innen, die in Bahnhofsmissionen, den Tafeln und anderen sozialen Einrichtungen unermĂŒdlich im Einsatz seien, um von Armut und Ausgrenzung betroffene Menschen auch wĂ€hrend der Krise zu unterstĂŒtzen“, erklĂ€rt Carsten Tag. „Hier wird NĂ€chstenliebe im besten Sinne praktiziert.“

„In BegegnungsstĂ€tten und anderen Treffpunkten des Gemeinwesens wurden von Mitarbeitenden und Ehrenamtlichen viele ausgefallene Ideen entwickelt, um weiterhin fĂŒr die Menschen da zu sein“, berichtet Uwe Seibel, Referent fĂŒr Gemeinwesenarbeit bei der Diakonie Hessen. Auch ĂŒber das spendenbasierte Diakonie-Projekt #wĂ€rmespenden konnten bereits ĂŒber 1.000 SchlafsĂ€cke als Erfrierungsschutz an obdachlose Menschen in Hessen verteilt werden.

Um dem Ziel der sozialen Gerechtigkeit nĂ€her zu kommen, sind aus Sicht der Diakonie Hessen aber weitere politische Anstrengungen dringend notwendig. „Die meisten Themen sind nicht neu, sie wurden nur durch die Pandemie und ihre Folgen besonders sichtbar“, ergĂ€nzt Dr. Melanie Hartmann, Referentin fĂŒr Armutspolitik bei der Diakonie Hessen. „Das reicht von fehlenden Sozialwohnungen oder bezahlbarem Wohnraum ĂŒber zu niedrige RegelsĂ€tze der staatlichen Transferleistungen bis hin zu erschwerten Teilhabemöglichkeiten und geringeren Bildungschancen fĂŒr Kinder und Jugendliche aus einkommensĂ€rmeren Familien“, so Hartmann.

 

Auch der Blick ĂŒber den eigenen Tellerrand ist notwendig
Als Ă€ußerst problematisch mahnt die Diakonie Hessen auch den gegenwĂ€rtigen Impf-Nationalismus der Bundesregierung an. „Momentan sieht es danach aus, dass die reichsten Staaten der Welt, den Großteil der verfĂŒgbaren Impfstoffe unter sich aufteilen. Es kann nicht sein, dass Menschen in Ă€rmeren LĂ€ndern keine Möglichkeit bekommen, sich vor dem Virus zu schĂŒtzen. Es ist außerdem illusorisch zu denken, dass man eine globale Pandemie ohne globale Strategien bekĂ€mpfen kann“, sagt Carsten Tag. „Auch hier sind globale SolidaritĂ€t und eine weltweit gerechte Verteilung der Vakzine, am besten ĂŒber die Weltgesundheitsorganisation, dringend notwendig“.

 

„Der Welttag der sozialen Gerechtigkeit ist also ein guter Anlass, kritisch zu fragen, was noch zu tun bleibt, um die verletzlichsten Mitglieder der Weltgesellschaft bestmöglich zu unterstĂŒtzen und dem Ziel der sozialen Gerechtigkeit in Hessen und darĂŒber hinaus nĂ€herzukommen“, fasst Carsten Tag zusammen.   

 

Kontakt

Dr. Melanie Hartmann

Referentin fĂŒr Armutspolitik

Tel.: 069 7947-6272

E-Mail: melanie.hartmann@diakonie-hessen.de

 

Weitere Informationen zur Diakonie Hessen unter www.diakonie-hessen.de