9. April 2020

Die LIGA der Freien Wohlfahrtspflege fordert eine deutliche Ausweitung des Rettungsschirms fĂŒr die soziale Infrastruktur.

Mainz. Es werden erheblich mehr Ressourcen fĂŒr die Herausforderungen in der stationĂ€ren und ambulanten Altenpflege benötigt: Das hat die PflegeGesellschaft Rheinland-Pfalz bereits mehrfach bei der Landesregierung Rheinland-Pfalz platziert. Die LIGA der Freien Wohlfahrtspflege schließt sich hiermit in GĂ€nze diesen Forderungen und BefĂŒrchtungen an, sieht aber auch fĂŒr nahezu alle anderen sozialen Bereiche dringenden Handlungsbedarf.

Der Rettungsschirm fĂŒr die sozialen Dienstleister in Form des Sozialdienstleister-Einsatzgesetzes (SodEG) wurde im Eilverfahren verabschiedet. Dieses Sozialschutz-Paket sichert allerdings lediglich Betriebsausgaben in einer Höhe von bis zu 75 Prozent. Dies reicht aber bei Weitem nicht aus, um die gemeinnĂŒtzigen Organisationen adĂ€quat und ausreichend zu unterstĂŒtzen. Hierzu Andreas Zels, Vorsitzender der LIGA:

"Die Lage fĂŒr uns Sozialdienstleister ist sehr kritisch, da wir als gemeinnĂŒtzige Organisationen nicht gewinnorientiert aufgestellt sind. Es gilt das Gebot der zeitnahen Mittelverwendung, wonach wir angehalten sind, schnell zu reinvestieren, wir dĂŒrfen keine RĂŒcklagen bilden. Daher stellt sich eine Refinanzierung der letzten 25 Prozent als Ă€ußert schwierig dar. Jetzt rĂ€chen sich die ĂŒber Jahre und Jahrzehnte eingefrorenen Förderungen und damit erzwungenen Eigenmittel."

Zels weiter: "Die Lage in KrankenhĂ€usern und Pflege- und Betreuungseinrichtungen ist in allen Feldern der sozialen Arbeit sehr schwierig, da Schutzausstattung weder verfĂŒgbar ist noch refinanziert wird."

All unsere Bereiche haben mit den Auswirkungen der Corona-Pandemie stark zu kĂ€mpfen. Auch wenn die stationĂ€ren Angebote noch bis zum 30. April regulĂ€r weiterfinanziert werden, haben beispielsweise TrĂ€ger von ambulanten Angeboten fĂŒr Menschen mit Behinderung  oder Kinder und Jugendliche bereits jetzt das Nachsehen. Weil Tagesaufenthalte geschlossen sind, brechen die gewohnten Tagesstrukturen weg, die Bewohnerinnen und Bewohner mĂŒssen zuhause bleiben, es herrscht "Lagerkoller". All dies bedeutet fĂŒr die Menschen eine hohe psychische Belastung. Ein durch Corona stark erhöhter Krankenstand auf Seiten des Personals verschĂ€rft die ohnehin angespannte Lage zusĂ€tzlich. Was kaum jemandem bewusst ist: Die in stationĂ€ren Einrichtungen fĂŒr Menschen mit Behinderung lebenden Personen gehören fast alle zur Risikogruppe. Auch verzeichnen wir eine wachsende Anzahl von positiv getesteten Menschen, die aber wiederum hĂ€ufig nicht von den KrankenhĂ€usern aufgenommen werden, wenn die Covid-19-Symptome nur schwach ausgeprĂ€gt sind.

Gleiches gilt auch fĂŒr den Bereich der stationĂ€ren Kinder- und Jugendhilfe. Auch hier stehen Beziehungsarbeit und KontinuitĂ€t im Vordergrund. Kinder und Jugendliche haben ĂŒber die Betreuungszeit eine enge Bindung zur Fachkraft aufgebaut, die nicht einfach ausgetauscht werden kann. Die TrĂ€ger dieser Angebote sind gefordert, sich konzeptionell schnell anzupassen und den durch die Schul- und Kita-Schließungen gestiegenen Personalaufwand bestmöglich zu stemmen.

Die Belastung ist auch fĂŒr die Familien besonders groß, die in armen und beengten VerhĂ€ltnisseen leben. Dort werden die Wochen ohne Schulunterricht und ohne Kitabetreuung zu einer besonderen Belastungsprobe. Ob die Kinder eigene Zimmer haben und ob ein Balkon, eine Terrasse oder ein Garten vorhanden sind, macht in diesen Zeiten einen noch deutlich grĂ¶ĂŸeren Unterschied als unter normalen UmstĂ€nden.

Durch die Kontaktsperren und die weiteren BeschrĂ€nkungen des öffentlichen Lebens steigt zudem die Gefahr hĂ€uslicher Gewalt. FrauenhĂ€user und Kinderschutzdienste berichten bereits von mehr Anfragen und Hilferufen. Die Ausgangs- und KontaktbeschrĂ€nkungen machen es fĂŒr Betroffene zusĂ€tzlich schwieriger, sich Hilfe zu holen, etwa unbemerkt zu telefonieren oder mit Vertrauenspersonen zu sprechen.

Auch die Situation in den Aufnahmeeinrichtungen fĂŒr Asylbegehrende und in GemeinschaftsunterkĂŒnften spitzt sich durch Ausgangs- und Kontaktauflagen immer mehr zu. Auch hier sind alle TrĂ€ger gefordert, die weitere Beratung und Betreuung der Menschen unter den verschĂ€rften Bedingungen sicherzustellen.

ArmutsgefÀhrdete Menschen leben zudem hÀufig in beengten WohnverhÀltnissen und in Wohnungen mit LÀrmbelÀstigung, FeuchtigkeitsschÀden oder Umweltbelastung durch Industrie und Verkehr.

Alleinstehende Menschen sind von der gegenwÀrtig geltenden Kontaktsperre besonders betroffen, besonders, wenn sie zu einer Risikogruppe gehören oder eine psychische Erkrankung vorliegt. Nach Angaben des Statistischen Bundesamts lebten zuletzt in Deutschland etwa 17 Mio. Menschen (736.000 Menschen in Rheinland-Pfalz) alleine in ihrer Wohnung, rund sechs Mio. von ihnen sind 65 Jahre und Àlter.

Auch fĂŒr Wohnungslose gestaltet es sich sehr schwierig, ein persönliches Beratungsangebot aufrecht zu erhalten. Diesen Menschen fehlen nun die kontinuierliche Beratung und der persönliche Kontakt. Die Ansprechpartner fallen weitestgehend weg, hĂ€ufig ist nur noch eine telefonische Beratung möglich. Und in den stationĂ€ren Einrichtungen fehlen die erforderlichen rĂ€umlichen und hygienischen Voraussetzungen, um VerdachtsfĂ€lle entsprechend isolieren zu können.

Die negativen Auswirkungen der Corona-Pandemie schlagen sich flĂ€chendeckend auf alle Bereiche nieder. „Wir appellieren in aller Deutlichkeit, den Rettungsschirm aufzustocken, damit nach der BewĂ€ltigung der Corona-Pandemie unsere Angebote auch weiter existieren können“, so Andreas Zels. „Es ist heute schon klar, dass es zu Aufarbeitungsproblemen auf allen Ebenen kommen wird, die es zu lösen gilt. Genau deshalb ist ein zeitnahes und vorausschauendes Handeln unverzichtbar, damit die sozialen Dienstleister in der Zeit nach Corona adĂ€quat aufgestellt sind“, so Zels abschließend.

 

Hintergrund

Die LIGA der Freien Wohlfahrtspflege in Rheinland-Pfalz e.V. ist der Zusammenschluss der fĂŒnf Verbandsgruppen – Arbeiterwohlfahrt, Caritas, Diakonie, Deutsches Rotes Kreuz und der ParitĂ€tische – zu einem Spitzenverband auf Landesebene. Die Verbandsgruppen beschĂ€ftigen zusammen ĂŒber 175.000 Mitarbeitende. ZusĂ€tzlich engagieren sich mehr als 30.000 Ehrenamtliche in den WohlfahrtsverbĂ€nden in Rheinland-Pfalz. Die LIGA versteht sich als Lobby benachteiligter Menschen und tritt als sozialpolitischer Akteur fĂŒr deren Interessen ein.

 

Ansprechpartner*innen

LIGA der Freien Wohlfahrtspflege in Rheinland-Pfalz e.V.

Sylvia Fink (GeschĂ€ftsfĂŒhrerin) | Andreas Zels (LIGA-Vorsitzender und GeschĂ€ftsfĂŒhrer AWO Bezirksverband Rheinland e.V., Koblenz)

Löwenhofstr. 5
55116 Mainz

T: +49-6131-22 46 08 (S. Fink)  und T: +49-261-3006 132 (A. Zels) | F: +49-6131-22 97 24

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