10. April 2014

In der Lounge der Mainzer Coface-Arena fand gestern ein Sozialwirtschaftskongress unter dem Motto „MehrWertSchöpfung | Die Freie Wohlfahrtspflege als Wirtschaftsfaktor in Rheinland-Pfalz“ statt. Die Veranstaltung wurde von der LIGA der Freien Wohlfahrtspflege Rheinland-Pfalz ausgerichtet. Die rund 250 Teilnehmer aus sozialen Einrichtungen im ganzen Land diskutietren dabei in Workshops die Ergebnisse der ersten rheinland-pfälzischen Sozialwirtschaftsstudie, die am Dienstag im Festsaal der Staatskanzlei vorgestellt wurde. Das Ziel dieser Studie, die auf eine Forschungskooperation zwischen der LIGA und dem Institut für Bildungs- und Sozialpolitik der Hochschule Koblenz (IBUS) zurückgeht, ist die stärkere Profilierung der Sozialwirtschaft als ökonomischer Faktor.

„Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Sozialbranche befinden sich häufig in einer Rechtfertigungssituation. Zwar wird ihr Einsatz von Politik und Gesellschaft anerkannt und hochgeschätzt, auf der anderen Seite stehen in der öffentlichen Diskussion einseitig die Kosten für den Staat und die Sozialkassen im Vordergrund. Mit der Studie wollen wir den Fokus auf die Sozialwirtschaft erweitern, indem wir den öffentlichen Ausgaben die ökonomische Wertschöpfung der Wohlfahrtspflege gegenüberstellen“, erklärte die LIGA-Vorsitzende, Regine Schuster.

Für diesen Perspektivenwechsel gibt es gute Gründe: Die Sozialwirtschaft wird als ökonomischer Faktor häufig unterschätzt. Dabei gehen von der Branche starke Impulse für den Arbeitsmarkt aus. In Rheinland-Pfalz arbeiten mehr als 175.000 Menschen im Gesundheits- und Sozialwesen, über 145.000 davon in Einrichtungen der LIGA. Das entspricht 14 Prozent der Beschäftigten im Land. Zusammen mit dem Handel (ebenfalls 14%) und dem verarbeitenden Gewerbe (25%) gehört die Sozialwirtschaft damit zu den größten Sektoren des rheinland-pfälzischen Arbeitsmarktes. Dieses Angebot an qualifizierten Stellen wirkt sich nicht nur positiv auf die Beschäftigungssituation im Land aus, sondern führt auch zu direkten Rückflüssen an den Staat und die Sozialkassen in Form von Einkommensteuern und Sozialabgaben.

Der Leiter der Studie, Prof. Dr. Stefan Sell, verwies außerdem auf stimulierende Effekte für Unternehmen aus anderen Branchen: „Die Konsum- und Investitionsausgaben der Einrichtungen der Sozialwirtschaft werden mit durchschnittlich 88 Prozent in ihrer jeweiligen Region getätigt. Das stärkt vor Ort ansässige Unternehmen, vor allem die vielen kleinen und mittelständischen Betriebe im Handwerk und Handel und die dort arbeitenden Menschen", so Prof. Sell.

Die Forschergruppe des IBUS konnte mit ihrer Untersuchung darüber hinaus belegen, dass durch die einseitige Kostenfixierung die wahren Ausgaben für die Wohlfahrtspflege massiv überschätzt werden:

"Von jedem Euro, den der Staat in die Sozialwirtschaft investiert, fließen unter Berücksichtigung der von uns berechneten zusätzlichen regionalen Wertschöpfung 72 Cent durch Steuereinnahmen und Sozialversicherungsbeiträge zurück, in erster Linie an Sozialversicherungsträger, Bund und Länder", resümierte Prof. Sell ein zentrales Ergebnis der Studie.

Hintergrund:

LIGA der Spitzenverbände der Freien Wohlfahrtspflege in Rheinland-Pfalz

Die LIGA ist ein freiwilliger, dem Gemeinwohl verpflichteter und pluralistischer Zusammenschluss der Wohlfahrtsverbände auf Landesebene. Die LIGA setzt sich aus fünf Verbandsgruppen zusammen – der Arbeiterwohlfahrt, der Caritas, dem Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverband, dem Deutschen Roten Kreuz und der Diakonie – und repräsentiert ingesamt zwölf Spitzenverbände. Das Ziel dieses Zusammenschlusses ist die Sicherung und Weiterentwicklung der sozialen Arbeit durch gemeinschaftliche Initiativen und sozialpolitische Aktivitäten.

Insgesamt beschäftigen die in der LIGA zusammengeschlossenen Einrichtungen in Rheinland-Pfalz mehr als 145.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Zusätzlich engagieren sich schätzungsweise 40.000 Ehrenamtliche bei den rheinland-pfälzischen Wohlfahrtsverbänden.

Institut für Bildungs- und Sozialpolitik (IBUS) der Hochschule Koblenz

Das IBUS ist eine zentrale wissenschaftliche Einrichtung der Hochschule Koblenz. Prof. Sell und sein Team von Wissenschaftlern bündeln bildungs- und sozialpolitische Kompetenzen für Forschung, Beratung und Praxisobjekte.