24. August 2011

Abseits vom Alltagsgeschäft nutzten die Leiterinnen und Leiter der regionalen Diakonie in Rheinland-Pfalz sowie die zuständigen Referentinnen und Referenten der drei diakonischen Landesverbände in Rheinland-Pfalz die sozialpolitischen Fachkenntnisse von Prof. Dr. Stefan Sell, FH Koblenz-Remagen, im Rahmen eines Klausurtages am 18. August 2011 im Mainzer Haus der Kirche. Thema war die zukünftige strategische Ausrichtung der Beratungsstellen im Kontext ihrer vielfältigen  regionalen Aufgaben und Herausforderungen.

In seinem Vortrag zeigte Prof. Dr. Sell das Dilemma, in dem sich die Arbeit der Wohlfahrtsverbände derzeit und auch zukünftig befindet. Durch die "Verländlichung der Problemlagen" und den demografischen Wandel stünden auch die diakonischen Einrichtungen vor neuen Herausforderungen. Gleichzeit könne vor dem Hintergrund der Schuldenkriese von einer langanhaltenden Lähmung der Kommunalhaushalte ausgegangen werden. Zu befürchten sei, dass durch die Investition in die klassischen Aufgabenbereiche, z.B. den Straßenbau, die Aufgaben im Sozialbereich stärkeren Kürzungen obliegen. Bereits heute sei, so Prof. Dr. Sell, eine mangelnde Flächenversorgung in Rheinland-Pfalz festzustellen, die auf keinen Fall durch einzelne  Projekte des Landes kompensiert werden könne.
Eine Lösungsmöglichkeit sieht Prof. Dr. Sell in einem Lastenausgleich durch die Erhöhung der Vermögenssteuer sowie der Einführung einer Gemeindewirtschaftssteuer anstelle der Gewerbesteuer.

Im Hinblick auf die zukünftige strategische Ausrichtung der Diakonie in Rheinland-Pfalz warnte Prof. Dr. Sell die diakonischen Einrichtungen davor, sich immer mehr auf "Verdünnungsprozesse" durch die mangelnde Finanzierung einzulassen: Am Ende zähle die nachhaltige Qualität der Arbeit. Sein Rat zielt auf die Konzentration qualitativ hochwertiger Arbeitsgebiete und die Abgabe von Arbeitsgebieten, die dies nicht gewährleisten können. Dies betreffe auch die fortschreitende Ambulantisierung der sozialen Arbeit, bei der auf jeden Fall die gleiche Förderintensität gegenüber den Klientinnen und Klienten gesichert sein müsse wie bei stationären Angeboten.

Prof. Dr. Sell warf die Frage auf, wie sich diakonische Trägereinrichtungen als Komplexeinrichtungen und die Beratungsstellen der regionalen Diakonischen Werke noch besser vernetzen könnten. Zudem solle man den Blick auf alternative Finanzierungsmöglichkeiten richten und auch die Bürgergesellschaft durch deren  freiwilliges Engagement noch mehr mit einbeziehen.
In der anschließenden Diskussion ging es im Schwerpunkt dann um die Themen Pflege und Fachkräftemangel.

Im zweiten Teil des Klausurtages beschäftigen sich die Diakonieverantwortlichen, anhand von drei exemplarischen Beispielen aus ihren eigenen Reihen, weiter mit der Zukunftsfähigkeit ihrer Arbeit. Aus dem Diakonischen Werk Pfalz stellte Claus Müller die Häuser der Diakonie vor. Jens Rautenberg beleuchtete den neu entstandenen  Trägerverbund Süd-Rhein der Diakonie Rheinland. Georg Steitz berichtete anschaulich von der sozialplanerischen Arbeit in Mainz in Verbindung mit den Wohlfahrtsverbänden der regionalen Liga.

In seinem Tagungsresümee ermutigte Landespfarrer Albrecht Bähr, sich den aktuellen und zukünftigen Herausforderungen zu stellen, indem Diakonie in Rheinland-Pfalz


1.    noch mehr erkennbar ist
2.    noch deutlicher anwaltlich agiert
3.    lokal handelt und global denkt
4.    noch schlagfertiger wird
5.    nicht nur kompromissbereit ist
6.    sich diakonisch vernetzt.


Wilfried Kehr

Wilfried Kehr ist Vorsitzender der Konferenz regionaler diakonischer Werke