15. April 2011

Herr Immer, seit 1. April 2011 sind Sie – nach einer entsprechenden Wahl durch die Liga-Vollversammlung – Vorsitzender der Kommission 4 der Liga der Spitzenverbände der Freien Wohlfahrtspflege im Land Rheinland-Pfalz. Zunächst herzlichen Glückwunsch zu dieser Wahl und zu Ihrer neuen Aufgabe. Worum geht es inhaltlich bei der Arbeit der Kommission 4?

Nikolaus Immer: Danke für den Glückwunsch - nach vielen Jahren, in denen unser Kollege Professor Dr. Franz Segbers aus Hessen-Nassau die Kommission geleitet hat, waren jetzt wir von der Diakonie Rheinland-Westfalen-Lippe an der Reihe. So habe ich mich gerne dieser neuen Aufgabe gestellt.

Die Kommission 4 bearbeitet unter dem Titel "Soziale Integration, Armutsbekämpfung und Migration" in fünf Fachgruppen die Themen Gefährdetenhilfe, Schuldnerberatung, Arbeit, Migration und Soziale Stadt/Gemeinwesenentwicklung. Zur Kommission gehört auch der Kontakt zur Landesarmutskonferenz und zum Beispiel die Beteiligung am Arbeitsmarktbeirat des Landes. Die Kommission hat daher eine hohe Übereinstimmung mit meinem Geschäftsbereich Soziales und Integration - es geht um die weitgehend nicht durch Pflegesätze oder Sozialgesetzbücher finanzierten Aufgaben der Wohlfahrtspflege, sondern um die für den Zusammenhalt der Gesellschaft allerdings notwendigen Arbeiten, die in der Regel auf freiwilligen Leistungen, auf Landesprogrammen, bis hin zu Ausschreibungen, die man gewinnen muss, fußen.

Durch Ihre langjährige Tätigkeit als Geschäftsführer des Diakonischen Werkes im Rheinland und jetzt als Geschäftsbereichsleiter der Diakonie RWL haben Sie bereits vielfältige Kontakte und Schnittstellen mit der Arbeit diakonischer Träger im Südrhein – Sie kennen Land und Leute in Rheinland-Pfalz.

N. I.: Gerade hier habe ich mir für das nächste halbe Jahr einiges vorgenommen: Denn jetzt geht es um ganz Rheinland-Pfalz und da kann ich nicht behaupten, dass ich bereits Land und Leute kenne. Hier sehe ich eine Aufgabe, indem ich die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Ministerien, den Landesämtern besuchen will, aber selbstverständlich auch Träger und Einrichtungen der Arbeit, sofern sie mir nicht wirklich schon lange aus dem "Südrhein" bekannt sind.

Sie kennen die Arbeit in solchen Kommissionen aus Ihrer langjährigen Arbeit im Kontext der Arbeit der LAG FW (Landesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege) in Nordrhein-Westfalen. Was ist anders in dem Miteinander und gelegentlich auch Miteinander-Ringen in Rheinland-Pfalz?

N. I.:Rheinland-Pfalz hat einen anderen Rhythmus, den man keineswegs so deuten kann, als ginge es dort langsamer oder gemächlicher zu. Ganz im Gegenteil: Denn der Kontakt zu den Ministerien und anderen Partnern in der Arbeit ist schneller hergestellt, als dies nach meiner Beobachtung in Nordrhein-Westfalen der Fall ist, und manches ist in Rheinland-Pfalz längst ausprobiert oder auf den Weg gebracht worden, woran das große Bundesland noch arbeitet.

Eine Sache ist mir aber sehr wichtig: Wir müssen bei allen Themen daran denken, dass wir in Nordrhein-Westfalen, in Rheinland-Pfalz und im Saarland Verantwortung tragen und tätig sind und daher manche Initiative und manche Anregung konsequent auch gleichzeitig in allen drei Ländern starten sollten. Diesen Vorteil haben wir bisher viel zu wenig genutzt. Hier will ich einiges anders machen.

Welche für die Arbeit unserer diakonischen Einrichtungen relevanten, aktuellen Themen stehen nach Ihrer Einschätzung in der Arbeit der Kommission 4 an?

N. I.: Die Kommission 4 hat sich bereits Ende des vergangenen Jahres viele Schwerpunkte für die diesjährige Arbeit vorgenommen – wie etwa die Arbeit an einem fortentwickelten Konzept der Migrationsarbeit, die Bearbeitung der Folgen der Finanznot vieler Kommunen und der Auswirkungen der Schuldenbremse, die Umsetzung des Bildungs- und Teilhabepakets im Rahmen der Hartz IV-Reform, die weitere Zusammenarbeit mit der Landesarmutskonferenz. Ich freue mich auf diese neue Arbeit, zumal ich mit der neuen Geschäftsführerin der Liga, Sylvia Fink, auch für den Bereich der K 4 eine fachlich versierte und umsichtige Partnerin habe.

In Rheinland-Pfalz ist gewählt worden. Bislang konnte die SPD alleine regieren. Die neue Landesregierung wird wohl von SPD und Grünen gebildet. Manche haben vermutet, dass brisante Entscheidungen auf die Zeit nach der Wahl verschoben wurden. Was steht zu erwarten – auch durch die veränderten parteipolitischen Koordinaten?

N. I.: Brisante Entscheidungen stehen nach dieser Wahl sicherlich an. Auf der einen Seite erinnere ich nur noch mal an die Auswirkungen der Schuldenbremse, wie wir sie im Saarland gerade erleben. Auf der anderen Seite erwarte ich, dass auch durch die veränderte parteipolitische Konstellation, also durch die wahrscheinlich ja kommende Rot-Grüne Koalition, gerade die sozialen Herausforderungen auch weiterhin als Herausforderungen durch das Land Rheinland-Pfalz betrachtet werden. Sicherlich wird einiges zu diskutieren sein, einiges wird auch durch uns korrigiert werden müssen. Aber insgesamt bin ich zuversichtlich in Blick auf den Erhalt eines sozialen Rheinland-Pfalz.

Dabei betone ich, dass ich es immer als einen Vorteil der Diakonie angesehen habe, parteipolitisch nicht zuortbar zu sein. Wir haben unsere eigenen Maßstäbe - und die versuchen wir selbstverständlich auch in der jeweiligen politischen Konstellation durchzuhalten. Dies gilt für die Diakonie wie für die Wohlfahrtspflege, denn als Vorsitzender der K 4 vertrete ich so gesehen ja alle Verbände der Wohlfahrt - auch in der Mitgliederversammlung der Liga.