14. Dezember 2016

Mainz (stk). "Ziel des Beteiligungsprozesses ist es vor allem, Menschen mit Armutserfahrung und soziale Akteure in den Regionen zu Wort kommen zu lassen, um zu erfahren, wie Armut erlebt und bewältigt und wie Armut vorgebeugt werden kann. Wir brauchen regional spezifische und umsetzbare Lösungen, um die Lage der Menschen zu verbessern", stellte Sozialministerin Sabine Bätzing-Lichtenthäler heraus.

Auftakt des Prozesses war die Veranstaltung "Armut begegnen - gemeinsam handeln", zu der die Ministerin Professor Dr. Georg Cremer, Generalsekretär des Deutschen Caritasverbandes, Pfarrer Albrecht Bähr, Sprecher der Landesarmutskonferenz und Vorsitzender der LIGA Rheinland-Pfalz, Dietmar Muscheid, Vorsitzender des Deutschen Gewerkschaftsbundes Rheinland-Pfalz/Saarland sowie Maria Ohlig, Quartiermanagerin Trier-Nord, zu Diskussion und Austausch eingeladen hatte. Professor Dr. Georg Cremer sagte in seinem Impulsvortrag: "Wir brauchen eine Debatte zu Armut in Deutschland, die sich nicht in folgenloser Empörung erschöpft. Notwendig ist zähe, reformerische Arbeit im politischen Alltag. Neben einer leistungsfähigen Grundsicherung für Arme brauchen wir eine Sozial- und Bildungspolitik, der es besser als heute gelingt, Armut vorzubeugen. Alle Akteure, Kommunen und ihre Jugendämter, Schulen, Wohlfahrtsverbände, Verbände des Ehrenamts sind hier gefordert."

"Die Gesellschaft hat die Pflicht, sich um die Schwächsten zu kümmern", hob Pfarrer Albrecht Bähr hervor. "Wir müssen dafür sorgen, dass von Ungerechtigkeit bedrohte Kinder ausreichend Unterstützung bekommen, um einen Bildungsabschluss zu erreichen, die gesundheitlichen Leistungen in Anspruch nehmen können, die sie brauchen und die Zugänge zum öffentlichen Leben erreichbar und finanzierbar sind", so Bähr.

Dietmar Muscheid betonte: "Armutsursache Nummer 1, die wir bekämpfen müssen, ist der stetig wachsende Niedriglohnsektor. Außerdem brauchen wir eine gerechte Besteuerung von Einkommen und Vermögen. Das sind die notwendigen Voraussetzungen, um dann gemeinsam, mit möglichst vielen gesellschaftlichen Akteuren, passgenaue Lösungen, nah an den realen Bedürfnissen zu erarbeiten und zum Nutzen der Betroffenen anschließend umzusetzen."

Maria Ohlig stellte die sozialräumliche Verortung von Armut heraus: "Wie Menschen aufwachsen und wie sie sich entwickeln, hängt entscheidend davon ab, in welchem Umfeld sie groß werden. Ich habe in meiner Arbeit erlebt, wie wichtig es für die Menschen ist, dass sich ganz konkret an ihren Lebensbedingungen etwas ändert. Wir haben es in einem benachteiligten Gebiet in Trier gemeinsam mit den Bewohnern geschafft, ihnen dauerhaft bezahlbare Wohnungen - und damit ein zentrales Grundbedürfnis - zu sichern. Die baulichen Veränderungen in Armutsvierteln müssen aber auch immer von guter Sozialarbeit begleitet werden, die die Menschen unterstützt und ihnen persönliche Entwicklungsmöglichkeiten aufzeigt", so die Quartiermanagerin.

"Armut ist nicht nur ein finanzielles Problem der Betroffenen, sondern auch ein Mangel an Verwirklichungschancen. Menschen brauchen die Befähigung, die Auswirkungen von Armut zu bewältigen, um der Armutsspirale entkommen zu können", fasste Bätzing-Lichtenthäler zusammen. Die Ministerin macht im ersten Halbjahr 2017 Praxisbesuche, um sich vor Ort über Armutsproblematiken und Armutsprävention auszutauschen und die Lebenswirklichkeit sowie die Erwartungen kennenzulernen.

Der Beteiligungsprozess ist als Besuchs- und Veranstaltungsreihe konzipiert, die sich an alle Akteure richtet, die zur Bewältigung von Armut und soziale Ausgrenzung einen Beitrag leisten können. Dazu zählen zum Beispiel die kommunale Politik, Verwaltungen, Jobcenter und Sozialverbände, genauso wie Träger von Bildungs- und Betreuungseinrichtungen, Familieninstitutionen, Fachkräfte der Wohnungslosenhilfe, Schuldner- und Insolvenzberatungsstellen, Fachkräfte der Gemeinwesenarbeit sowie - ganz generell - alle sozial engagierten Personen. "Armutsbekämpfung ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, bei der Bund, Länder und Kommunen ebenso gefordert sind, wie Sozialversicherungen und Rehaträger, die sozialen Akteure vor Ort und alle, die sich sozialpolitisch engagieren", so Bätzing-Lichtenthäler.