23. Juli 2015

Seit zehn Jahren gibt es mit der Interventionsstelle bei Gewalt in engen sozialen Beziehungen und bei Stalking (IST) in Ludwigshafen eine Anlaufstelle fĂŒr Frauen, die von psychischer und physischer Gewalt und von Stalking betroffen sind.

Es sind erschreckende Zahlen: Jede vierte Frau in Deutschland erlebt mindestens einmal in einer Partnerschaft physische, psychische oder sexuelle Gewalt. 64 Prozent dieser Frauen werden bei den Gewalttaten schwer verletzt, in 60 Prozent der FÀlle leben Kinder im Haushalt. In solchen FÀllen hilft die Ludwigshafener Interventionsstelle gegen Gewalt in engen familiÀren Beziehungen und Stalking (IST), die jetzt ihr zehnjÀhriges Bestehen gefeiert hat.

Musik, eine Fotoausstellung mit Bildern wie "Wenn der Uli sauer wird
", "Die Hoch-Zeit ist vorbei" oder "Eskalationsstufen" und eindringliche Texte von Betroffenen vermittelten den rund 40 GĂ€sten die verschiedenen Dimensionen von Gewalt, die in engen sozialen Beziehungen passiert. Seit zehn Jahren kĂŒmmern sich in der Ludwigshafener Interventionsstelle, die im Mehrgenerationenhaus der Diakonie in der Falkenstraße angesiedelt ist, zwei Beraterinnen um die betroffenen Frauen. Insgesamt waren es fast 3.700 Ratsuchende – Tendenz steigend.


Als die Ludwigshafener IST 2005 als fĂŒnfte Einrichtung in Rheinland-Pfalz gegrĂŒndet wurde, umfasste ihr Einzugsbereich den gesamten Bereich des PolizeiprĂ€sidiums Rhein-Pfalz mit knapp 900.000 Einwohnern. 138 FĂ€lle gab es im ersten Jahr. Seit 2010 sind die Beraterinnen nur noch fĂŒr das Gebiet der Polizeidirektion Ludwigshafen mit 340.000 Einwohnern zustĂ€ndig, doch betreuen sie mittlerweile fast 400 Frauen im Jahr. „Die IST Ludwigshafen ist die Einrichtung mit den meisten Fallzahlen in Rheinland-Pfalz“, verdeutlichte die Fachkreissprecherin der 16 ISTen in Rheinland-Pfalz, Alexandra Schlosser, den großen Bedarf fĂŒr die Beratungsstelle.


Angesichts dieser großen Zahl menschlicher Schicksale ist das zehnjĂ€hrige Bestehen der Interventionsstelle fĂŒr den Landespfarrer fĂŒr Diakonie, Albrecht BĂ€hr, "nun wahrlich kein JubilĂ€um, das man feiern möchte, denn es bedeutet ja im Umkehrschluss: 10 Jahre Gewalt in Familien." Umso wichtiger und wertzuschĂ€tzender, verdeutlichte BĂ€hr, sei die Arbeit der Mitarbeiterinnen: "Wer hier arbeitet, kann und darf keine Routine entwickeln, muss sich jedes Mal neu einlassen auf die Situation und den Menschen, der Hilfe benötigt", dankte er den Mitarbeiterinnen der IST, die fĂŒr ihn "ein aktive Statement gegen Gewalt" darstellt.


Wichtig fĂŒr die erfolgreiche Arbeit der Interventionsstelle sei ein Netzwerk von Kooperationspartnern, ohne das das Problem nicht in den Griff zu bekommen sei, so BĂ€hr. Zum Netzwerk gehört einmal die Polizei, denn 90 Prozent der FĂ€lle werden der Interventionsstelle von den Beamten zugewiesen. Aber auch JugendĂ€mter, Jobcenter und Frauen- und Kinderschutzeinrichtungen sind wichtige Partner. "Die proaktive Kontaktaufnahme, Krisenintervention, psycho-soziale Beratung, Schutzmaßnahmen, Sicherheitsplanung und die Weitervermittlung ins Hilfesystem sind die Schwerpunkte unserer Arbeit. Eine langfristige therapeutische Betreuung bieten wir nicht an", beschreiben die beiden Beraterinnen, die aus SicherheitsgrĂŒnden anonym bleiben möchten, ihr TĂ€tigkeitsfeld.


Heike Jung, Leiterin der Abteilung Frauen im Ministerium fĂŒr Integration, Familie, Kinder, Jugend und Frauen Rheinland-Pfalz wies in ihrem Grußwort auf die große Zahl betroffener Frauen mit Migrationshintergrund hin, was eine besondere Herausforderung in der Beratung sei. Die erfolgreiche Beratungsarbeit von IST zeige, dass eine Vernetzung gelingen könne. Auch fĂŒr die Polizei liegt in der engen Zusammenarbeit der Erfolg von IST begrĂŒndet, wie PolizeiprĂ€sident Thomas Ebling ausfĂŒhrte. Ging es frĂŒher bei der Polizei bei FĂ€llen hĂ€uslicher Gewalt vornehmlich um Lagebereinigungen, so wird heute gemeinsam nach einer Lösung gesucht. (rad)